Horst Samson - Montag, 21. August 2017
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GEDICHTE-INTERPRETATION

Ein Lichtkreuz über dem Wasser

von Marie-Elisabeth Lüdde*

 

Horst Samson

DAS MEER

Am Strand harren sie aus, streichholzklein,
Treiben
In Gedanken hinaus ins rotgeränderte
Auge.
Es ist der Horizont
Die Zündschnur
Die ihre Köpfe in Brand setzt.
Sand rinnt
Durch ihre Körper. Sie warten


Gelassen
Am Fuße des Lichtkreuzes über dem Wasser. Sind es
Piraten? Sind es Gerechte?
Keine Regel kennt der streunende
Wind,
Der kommt,
Der geht.
Sie sind jung, und sie sind alt, und
Sie haben das Meer erreicht!

Als ich das Gedicht das erste Mal hörte - es war bei einer Lesung in einer Stadt am Meer -, faszinierte es mich sofort. Noch Monate später konnte ich Verse daraus erinnern.

Das Gedicht hat einen lapidaren Anfang. Er trennt jäh die, die eine Beziehung zum Meer haben, von jenen, denen das Meer Angst macht. Wer schon einmal am Meer war, wird die Erschütterung dieses Textes nachempfinden können. "Streichholzklein" erlebe ich mich angesichts der Größe des Meeres, des Himmels. In dieser Erschütterung meldet sich zweierlei zu Wort: Schrecken und Anziehung - und vor meinem inneren Auge erscheint C. D. Friedrichs berühmtes Bild "Mönch am Meer".

Schrecken und Anziehung - Entsetzen, verloren zu gehen angesichts des überwältigenden Meeres, und Trost, geborgen zu sein in der Natur, deren Teil ich bin. Beides steckt im Bild vom Meer und seinen künstlerischen Expressionen. So erweist sich das Meer als mythischer Ort. Thalassa! Das Meer! In jenem klassischen, griechischen Ausruf schwingt diese Erfahrung mit.

Und so heißt auch das Gedicht. Das Meer ist ein mythischer Ort, an dem meine Endlichkeit fühlbar wird. Das Meer war schon da, bevor es mich gab, und wird unermüdlich brausen, wenn von mir jede Spur verweht ist. Es gibt etwas, das bleibt. Aber ebenso hebt es mich hinein in die stete Bewegung des Wassers. Die Ruhe ist in der Bewegung.

Aus dem Meer kam das Leben - entwicklungsgeschichtlich und biographisch. In mir steckt ein Fisch, ein Meerestier, das in grauer Vorzeit das Wasser verließ. Und ebenso werde ich meines vorgeburtlichen Lebens im Leib meiner Mutter inne, eine Erinnerung an das Paradies, das zu verlassen notwendig war.

Das Meer ist ein mythischer Ort. Denn es verschränkt die Außen- mit der Innenerfahrung, verschmilzt Subjekt und Objekt. So ist das Meer wie jeder Mythos der dritte Ort, an dem ich meine Seele im Außen wahrnehme und dies an der zum poetischen Bild verdichteten Erfahrung des Lyrikers Horst Samson messen kann.

Der Mensch kennt den Schrecken der Leere. Das Meer aber leistet sich die Kühnheit, leere Räume zu lassen, darin ich mich als klein erfahre. In Gedanken hinaustreibend "ins rotgeränderte Auge" verschränkt sich das Bild der Sonne (untergehend, also rot, wie ich mir vorstelle) mit meinem Auge (das geweint hat, also rot ist, wie ich mir vorstelle). Die Außenansicht - das Gesehene - verschmilzt mit der Innensicht - dem Sehen. Eben dies, und dazu noch das Verständlichen solcher Art Erfahrung, vermag poetische Sprache.

Unser Text ist ein Gedicht vom Warten, von der Gelassenheit, vom Ausharren, von der Geduld. Es ist ein Gedicht von der Zeit. In meinem Kopf entstehen die Körper als Sanduhren, durch die mählich die Zeit rinnt, gleichmütig.

Und doch gibt es eine Gegenbewegung: der Horizont als eine Zündschnur, die die Köpfe in Brand setzt. In der untergehenden Sonne erscheint der Horizont einen Moment lang als ein glühender Faden, der die Gedanken, die Phantasie, explodieren läßt. Der Augenblick des Sonnenunterganges, der den Horizont entzündet, erschafft auch die vertikale Lichtlinie und macht so aus horizontaler und vertikaler Perspektive ein Lichtkreuz über dem Wasser.

In der europäischen Literatur assoziiert das Kreuz eine Leidensgeschichte, eine Passion, die hier aber nicht passiv ist. Das verhindert die explosive Horizontlinie, die für die mögliche Veränderung steht und sich mit der Vertikalen zur Transzendenz verbindet, aufgehoben in Licht, erlitten, wirksam und doch durchgestanden.

Es ist ein Gedicht vom Ankommen. Alle Ordnung ist - nein, nicht über den Haufen geworfen - doch an ihr Ende gekommen. Von daher rührt der anarchistische Zug in diesem Text, der untergründig gegen den Gleichmut streitet. "Keine Regel kennt der streunende Wind, der kommt, der geht."

Ein Gedicht vom Ankommen - und ein weiter Weg scheint zurückgelegt. Im Erreichen wird bedeutungslos, ob die Ankommenden Piraten oder Gerechte, Seeräuber oder Unschuldige sind. Und ich setze fort: Es ist gleich, ob es sich um Alte oder junge, Frauen oder Männer handelt. Sie waren Räuber und sind jetzt Gerechte, sie waren jung und sind jetzt alt - oder umgekehrt, oder alles zugleich. Angesichts des Meeres schlägt die Zeit um in Ewigkeit als einer anderen Qualität von Leben.

Das Bild vom Ankommen am Meer ist eine Utopie, die für mich ohne den bitteren Beigeschmack der Resignation ist. Es ist unerheblich, wie versehrt die waren, die sich auf den langen oder kurzen Weg machten. Ihre Versehrtheit, ihr Mangel, ihre Defizite, ihre Deformationen und ihre Wunden sind im Ankommen - nicht vergessen, sondern - aufgehoben.

Diese Utopie erzählt vom Frieden, der nicht der Tod ist, erzählt von der Ruhe, die nicht Leblosigkeit ist. Es gibt ein Ankommen am Abend, nach Gefahren und Erfahrungen. Darin verschmelzen Sehnsucht und Gelassenheit, Schweigen und der Donner der Brandung.

Das Meer ist das Bild einer Utopie, deren Rand nur erreichbar ist. Des Zentrums kann ich mich nicht bemächtigen, ich ginge sonst unter. Das Meer erreichen heißt nicht, es in Besitz nehmen zu können, denn es ist nicht verfügbar.



"Sie sind jung, und sie sind alt, und
Sie haben das Meer erreicht! "


Man beachte die beiden "und" in den letzten zwei Versen, wie sie - retardierend - diese ungeheure Schubkraft entfalten, so, als seien sie zwei mächtige Wogen, mit denen das Gedicht ausebbt. Dies ist ein großartiger Schluß, der mit seiner Bewegung nachzeichnet, was er beschreibt.

Zu denen, die an dieses Meer gelangen, das allen konkreten Meeren zugrunde liegt und es zugleich übersteigt, möchte auch ich gehören.


Das Gedicht "Das Meer" ist bislang ungedruckt. Sein Verfasser ist ein rumänien-deutscher Schriftsteller, der seit wenigen Jahren in Deutschland lebt. Seine prägenden Erfahrungen hat er unter der Ceaucescu-Diktatur gemacht; er teilt sie mit manchen anderen aus seinem geschundenen Land. Als Ostdeutsche ahne ich von ferne, was das bedeuten könnte. Horst Samson ist ein Dichter, dessen Texte in unserem satten Land offenbar nicht gebraucht werden. Es ist mir eine Ehre, dieses Gedicht hier erstmalig vorzustellen. Es zeugt vom hohen Stand der rumänien-deutschen Dichtung, die gültige Bilder für die schreckliche und die schrecklich gefährdete Existenz des Menschen findet ebenso wie Gleichnisse für die Utopie, der unsere Suche gilt.

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* Erschienen in ,,Drei Zeilen trag ich mit mir. Worte, die ein Leben begleiten”, Hgb. Richard Riess, Herder Verlag Freiburg - Basel - Wien 1995, S. 109 ff; die Autorin, Dr. theol. Marie-Elisabeth Lüdde (Weimar/Berlin), Dozentin an der Fachhochschule für Gemeindepädagogik Potsdam.